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Meckern als Lebensstil: Wie viel Gemecker ist eigentlich gesund?

Autorenbild: Danielle Wipper
Danielle Wipper
22. Dez. 2024
5 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 11 Stunden



Dieser Beitrag enthält Werbung (Affiliate-Links).


Manchmal reicht schon erstaunlich wenig, das Motorrad, das morgens viel zu laut durch die Straße fährt. Die Person im Wartezimmer, deren Stimme plötzlich alles andere übertönt. Der Regen, obwohl ausgerechnet heute etwas Schönes geplant war. Oder der Partner, der schon wieder etwas stehen gelassen hat, obwohl man es doch wirklich oft genug gesagt hat. Ich erwische mich selbst immer wieder dabei. Manchmal tut es sogar kurz gut, den Frust einfach auszusprechen. Man fühlt sich erleichtert, jemand anderes stimmt vielleicht noch mit ein und für einen Moment denkt man dass man mit seinen Problemen nicht mehr allein da steht. Aber irgendwann habe ich mich gefragt:

"Wann ist Meckern eigentlich einfach menschlich und wann wird es zu einer Grundhaltung?"

Denn sich über etwas zu ärgern ist völlig normal. Problematisch wird es eher dann, wenn wir irgendwann überall etwas finden, das uns stört.



Warum meckern wir überhaupt?


Meckern hat oft einen ziemlich schlechten Ruf. Dabei erfüllt es durchaus einen Zweck. Wenn wir uns beschweren, drücken wir zunächst einmal aus, dass etwas für uns gerade nicht stimmt.

Vielleicht sind wir enttäuscht.

Vielleicht fühlen wir uns unfair behandelt.

Vielleicht sind wir überfordert.

Oder wir wünschen uns eigentlich Unterstützung, Wertschätzung, Ruhe oder Verständnis. Manchmal wollen wir mit unserem Gemecker auch einfach Dampf ablassen. Ein kurzes: „Was für ein beschissener Tag.“ kann sich befreiend anfühlen.

Und manchmal verbindet uns Meckern sogar mit anderen. Stell dir vor, du stehst seit Ewigkeiten in einer Schlange und jemand vor dir sagt genervt:

„Das kann doch nicht wahr sein, dass hier nur eine Kasse offen ist.“

Plötzlich kommen die Leute ins Gespräch, nicken sich zu und teilen denselben Frust. Für einen kurzen Moment entsteht dadurch sogar ein Gefühl von Gemeinschaft. Das bedeutet: Meckern ist nicht automatisch etwas Schlechtes.

Die entscheidende Frage ist vielmehr, was danach passiert.



Ist Meckern gesund?


Ein bisschen Frust auszusprechen kann vollkommen in Ordnung sein.

Du musst schließlich nicht jeden Regentag wunderschön finden, jede unangenehme Situation positiv umdeuten oder dich dazu zwingen, ständig dankbar und glücklich zu sein. Das wäre auch keine echte Achtsamkeit.

Achtsamkeit bedeutet nicht: „Ich darf nichts Negatives fühlen.“

Sondern eher: „Ich nehme wahr, was gerade in mir passiert.“

Der Unterschied liegt deshalb für mich zwischen bewusstem Beschweren und Dauermeckern. Du kannst sagen: „Das hat mich gerade richtig geärgert.“

Das Gefühl wahrnehmen, vielleicht kurz darüber sprechen und anschließend überlegen, was du brauchst oder verändern kannst. Oder du kannst dieselbe Situation immer wieder durchgehen, dich erneut darüber aufregen und deinen Fokus stundenlang darauf richten. Und genau dort kann Meckern irgendwann anfangen, uns mehr Energie zu kosten, als es uns erleichtert.



Wenn Meckern zur Grundhaltung wird


Vielleicht kennst du Menschen, bei denen scheinbar immer etwas falsch ist.

Ist es warm, ist es zu heiß. Regnet es, ist das Wetter schrecklich.

Ist wenig los, ist es langweilig. Ist viel los, ist alles viel zu stressig.

Vielleicht ertappen wir uns aber auch selbst manchmal dabei.

Denn das Schwierige am ständigen Meckern ist: Oft merken wir gar nicht mehr, wie häufig wir es tun. Unser Blick richtet sich immer stärker auf das, was fehlt, nervt oder nicht funktioniert. Nicht unbedingt, weil wir grundsätzlich negative Menschen sind, sondern weil sich Gewohnheiten einschleichen.



Welcher Mecker-Typ bist du?


Meckern sieht nicht bei jedem gleich aus.

Vielleicht erkennst du dich in einem dieser Muster wieder:

  1. Der Alltags-Meckerer findet überall kleine Dinge, über die man sich aufregen kann: Verkehr, Wetter, Menschen, Wartezeiten oder Technik.

  2. Der Bestätigungs-Meckerer möchte vor allem hören: „Ja, du hast vollkommen recht.“ Das Gemecker wird zum Weg, Verständnis und Zustimmung zu bekommen.

  3. Der Hilflosigkeits-Meckerer ist eigentlich frustriert, weil er das Gefühl hat, an einer Situation nichts ändern zu können.

  4. Der Perfektions-Meckerer sieht besonders schnell, wenn etwas nicht so läuft, wie er es sich vorgestellt hat.

  5. Der Gewohnheits-Meckerer merkt manchmal selbst gar nicht mehr, wie häufig negative Kommentare zum Alltag gehören.


Dabei muss niemand ausschließlich in eine dieser Kategorien passen.

Ich glaube, wir tragen je nach Situation von mehreren etwas in uns.

Viel interessanter ist deshalb die Frage: „Warum meckere ich gerade?"

„Was steckt wirklich hinter deinem Gemecker?" Das ist für mich einer der spannendsten Punkte. Denn häufig ist „genervt“ gar nicht das eigentliche Gefühl.

Stell dir vor, du denkst: „Mein Partner hilft mir nie im Haushalt. Ich muss wirklich alles alleine machen.“ Auf den ersten Blick bist du einfach sauer.

Wenn du aber genauer hinschaust, steckt vielleicht etwas anderes dahinter.

Du bist erschöpft und fühlst dich allein gelassen.

Vielleicht fühlst du dich nicht gesehen oder nicht wertgeschätzt.

Und plötzlich verändert sich auch das, was du eigentlich brauchst.

Aus: „Du nervst mich!“ wird vielleicht: „Ich bin gerade überfordert und wünsche mir mehr Unterstützung.“ Das ist ein großer Unterschied.


👇 Mein Tipp:

Mir fällt es selbst manchmal viel leichter zu sagen:

„Ich bin genervt.“ als wirklich herauszufinden, was dahinterliegt.

Genau dafür finde ich einen Gefühls- und Bedürfnisnavigator* unglaublich praktisch. Ein solches Gefühlsrad zeigt verschiedene Emotionen und hilft dabei, genauer zu unterscheiden: Bin ich wirklich nur wütend? Oder vielleicht enttäuscht, erschöpft, angespannt, unsicher oder verletzt?

Besonders hilfreich finde ich, wenn zusätzlich die möglichen Bedürfnisse hinter diesen Gefühlen aufgeführt werden.



Vom Meckern zum Verstehen


Wenn du dich das nächste Mal beim Meckern erwischst, musst du dich deshalb nicht sofort korrigieren. Halt kurz inne. Nicht mit: „Ich darf nicht meckern.“

Sondern mit: „Interessant. Warum stört mich das gerade so sehr?“

Vielleicht steckt nämlich eine wichtige Information darin.

Angenommen du beschwerst dich jeden Sonntag darüber, dass das Wochenende schon wieder vorbei ist. Vielleicht ist das Problem gar nicht der Sonntag.

Vielleicht sagt dir dieses Gemecker etwas darüber, wie du dich in deinem Alltag fühlst. Oder du regst dich ständig darüber auf, dass andere Menschen deine Zeit beanspruchen. Vielleicht fehlt dir eigentlich Zeit nur für dich.

Gemecker kann manchmal fast wie eine kleine Warnleuchte sein.

Nicht jede Beschwerde hat eine tiefere Bedeutung. Manchmal nervt ein Stau einfach. Aber wenn du bemerkst, dass du immer wieder über dasselbe Thema meckerst, lohnt sich ein zweiter Blick.



Eine kleine Übung gegen den Mecker-Autopiloten


Beim nächsten Mal kannst du für einen Moment stoppen und dir drei Fragen stellen:

  1. Was ist gerade passiert?

Beschreibe die Situation erst einmal möglichst neutral.

statt „Der nimmt mich überhaupt nicht ernst.“ versuche: „Ich habe etwas erzählt und die Person hat währenddessen auf ihr Handy geschaut.“


  1. Was fühle ich wirklich?

Vielleicht Ärger.

Vielleicht Enttäuschung.

Vielleicht Unsicherheit.


  1. Was brauche ich gerade?

Vielleicht Aufmerksamkeit, Respekt, Ruhe, Unterstützung, oder einfach fünf Minuten, um dich wieder zu sammeln.


Allein diese kleine Pause kann verhindern, dass wir sofort in dieselben alten Gedankenmuster hineinrutschen. Es geht nicht darum, dir dein Gemecker abzugewöhnen, indem du jeden negativen Gedanken sofort gegen einen positiven austauschst. Wenn etwas unfair ist, darfst du es unfair finden.

Wenn jemand deine Grenze überschreitet, musst du nicht nach etwas suchen, für das du dankbar sein kannst. Und wenn dein Tag einfach schlecht war, darfst du auch sagen:

„Heute war einfach nicht mein Tag.“



Mein Fazit: Du darfst meckern


Ich glaube nicht, dass wir uns Meckern komplett abgewöhnen müssen.

Und ehrlich gesagt möchte ich das auch gar nicht. Es gibt Dinge, die nerven.

Entscheidend ist für mich eher, was danach passiert. Bleibe ich stundenlang in diesem Gefühl? Suche ich immer wieder neue Gründe, mich aufzuregen?

Oder kann ich irgendwann neugierig werden und mich fragen:

Warum beschäftigt mich das gerade so sehr?

Vielleicht zeigt dir dein Gemecker manchmal einfach, dass du eine Pause brauchst.

Dass eine Grenze überschritten wurde.

Dass du dich nach Veränderung sehnst.

Oder dass etwas schon länger nicht mehr zu dir passt.

Dann ist dein Gemecker vielleicht gar nicht der Feind.

Vielleicht ist es manchmal einfach nur ein ziemlich lautes Signal, genauer hinzuhören.





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